Berliner Videodolmetsch-Dienst AVD wächst – und stößt an Grenzen
Vor einem Jahr berichteten wir über den Start des Audio-Videodolmetsch-Pilotprojekts (AVD) der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Integration und Antidiskriminierung. Das Ziel: Die Berliner Verwaltung sollte durch spontane oder terminierte Dolmetschdienste barrierefreier und effizienter werden. Das Pilotprojekt läuft aktuell in seiner zweiten Phase (2026–2027), in der der Dienst schrittweise auf weitere Verwaltungseinheiten mit direktem Kundenkontakt ausgeweitet werden soll. Ab 2027 ist eine neue Ausschreibung erforderlich, da der aktuelle Vertrag Ende 2026 ausläuft. Die Senatsverwaltung prüft zudem, ob ein flächendeckendes Ausrollen ab 2028 möglich ist. Dafür müssen technische Rahmenbedingungen (Datenschutz, IT-Architektur, Integration in den BerlinPC) und Finanzierungsfragen geklärt werden. Ziel sollte ein Basisdienst Audio-Videodolmetschen sein, der allen Beschäftigten der Berliner Verwaltung bereitsteht.
Zwei Berichte (Rote Nr. 1799 B und Rote Nr. 1799 C) stellen konkret dar, wo das Projekt steht. Von Oktober 2024 bis Oktober 2025 wurden 4.381 Einsätze mit einem Gesamtumfang von 76.517 Minuten in Jugendämtern, Gesundheitsämtern, Sozialämtern, Schulen, Kitas und dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) durchgeführt. Besonders in den Bezirken Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Marzahn-Hellersdorf sowie im Willkommenszentrum wird der Dienst intensiv genutzt. Allein 2025 hat sich die Zahl der aktiven Kooperationspartner verdoppelt. Der Bedarf nach dem AVD-Dienst ist enorm – und entlastet die Mitarbeiter*innen in der Verwaltung spürbar.
Einsatzentwicklung AVD-Pilotprojekt (Nov 2024 – Okt 2025)

Die Grafik zur Entwicklung der Sprachmittlungseinsätze zeigt einen deutlichen Anstieg. Das Pilotprojekt ist in zwei Leistungslose aufgeteilt: Los I umfasst den AVD-Dienst für Bezirke und das Willkommenszentrum, Los II die telefonische Sprachmittlung für das LAF.

Die Finanzierung des Pilotprojekts erfolgt aus zwei Haushaltskapiteln: 100.000 Euro von IntMig und 400.000 Euro (2024) bzw. 500.000 Euro (2025) vom LAF. Doch die Mittel reichen nicht aus, um den Bedarf flächendeckend zu decken. Die 70.000 Euro, die für Los I (Bezirke und Willkommenszentrum) als Vergabebetrag zur Verfügung standen, entsprechen auf dem aktuellen Arbeitsmarkt lediglich ein bis zwei Vollzeitstellen für Dolmetschende mit zwei bis vier Sprachkompetenzen. Durch die Beauftragung eines spezialisierten Dienstleisters konnten dennoch mehr als 55 Sprachen abgedeckt werden.
Ein weiteres Problem: Bei der europaweiten Ausschreibung für den AVD-Dienst gab es nur einen Bieter, die SAVD Videodolmetschen GmbH. Die Senatsverwaltung betont, dass eine Monopolstellung nur in abgeschwächter Form vorliege, da europaweit mehrere Anbieter verfügbar seien. Allerdings gehören die beiden führenden Anbieter im deutschsprachigen Raum, SAVD und LingaTel, zum gleichen Konglomerat – was die Wettbewerbssituation faktisch einschränkt. Bei der nächsten Ausschreibung soll die Vertragsgestaltung gezielt dazu beitragen, Anbieterabhängigkeiten zu vermeiden.
Die SAVD Videodolmetschen GmbH zahlt freiberuflichen Dolmetschenden nach eigenen Angaben im Schnitt 30 % höhere Honorare als andere Anbieter. Diese Aussage wurde jedoch nicht unabhängig überprüft: Eine solche Prüfung würde voraussetzen, dass andere Unternehmen – ohne vertragliche Verpflichtung gegenüber dem Land Berlin – interne Vergütungsdaten offenlegen. Freiberufliche Dolmetschende erhalten Informations- und Qualifizierungsmaterialien, setzen aber ihre eigenen Arbeitsmittel ein und arbeiten in organisatorischer Unabhängigkeit vom Auftraggeber.
