Leben für Marzahn-Hellersdorf – Schlaftstadt 2.0 verhindern

Debattenbeitrag: In Marzahn-Hellersdorf wird viel gebaut, mehr als in vielen anderen Bezirken Berlins.

Insgesamt stieg die Einwohner:innenzahl in Berlin im vergangenen Jahr kaum. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg gab lediglich ein Plus von 467 Personen für 2020 an. Marzahn-Hellersdorf wuchs jedoch im Vergleich mit einem Plus von 1,4 Prozent am stärksten.

Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sind dabei ein Akteur für dieses Wachstum. So wurden im Jahr 2020 in ganz Berlin 2.485 neue Wohnungen durch städtische Wohnungsbaugesellschaften errichtet, über die Hälfte davon in Marzahn-Hellersdorf. In den kommenden zwei Jahren sollen sogar 75% aller öffentlichen gebauten Neubauwohnungen in Marzahn-Hellersdorf und im Nachbarbezirk Lichtenberg entstehen.

Zu oft wird dabei die soziale Infrastruktur vergessen. Wo werden die Kinder zur Schule gehen? Wo sollen sie Sport treiben oder zum Arzt gehen? Auch Kindergartenplätze fehlen weiterhin. Dabei liegen die Lehren aus dem Bau der Großwohnsiedlungen in der DDR noch nicht allzu lang zurück. Vor 40 Jahren begann der Bau Großsiedlung Marzahn am Stadtrand von Berlin als Schlafstadt für 250,000 Menschen. Heute ist Marzahn gemeinsam mit Hellerdorf die größte Plattenbausiedlung in Deutschland. Seit der Wiedervereinigung ist der Bezirk Schauplatz eines intensiven Stadtumbaus. Doch die aktuellen Planungen lassen befürchten: das Thema Schlafstadt ist zurück.

Die Herausforderung von Sozialwohnungen

Die Plattenbauten von Marzahn-Hellersdorf waren mal die Berliner Problemkieze schlechthin. Mit viel Mühe wurde der Bezirk aufgewertet. Doch nun baut Berlin den Großteil der neuen Wohnungen als Sozialwohnungen. Denn die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften haben die Vorgabe, mindestens 60 % der jährlich freiwerdenden Wohnungen an WBS-berechtigte Haushalte zu vergeben. So sind in der Märkischen Allee mindestens die Hälfte der neu entstehenden Wohnungen für Mieter:innen mit Wohnberechtigungsschein (WBS) reserviert. Dies ist zwar mit Blick auf die Gesamtstadt nötig, für die regionale Verteilung erfordert dieses Vorhaben ein genaues hinschauen und das Mitdenken der nötigen zusätzlichen Infrastruktur, um das Wiederentstehen oder Erhalten von Problemkiezen vorzubeugen.

Wieviel und was wird gebaut?

Die Stadt und Land hat bspw. mehrere Projekte im Bau. Auf dem historischen Gutshof Biesdorf entstanden bis Ende 2020 382 Wohnungen, weitere 133 werden bis Mitte 2021 folgen. 137 Wohnungen sollen bis März 2022 in der Mittenwalder Straße entstehen, 138 in der Hoyerswerdaer Straße. Weitere 154 Wohnungen sollen bis Mitte 2023 in der Gothaer Straße Ecke Alte Hellersdorfer Straße bezugsfertig sein. Im Dezember 2020 wurde eine 7-geschössige Wohnanlage mit 284 Wohnungen in der Albert-Kuntz-Straße fertig gestellt. 2019 wurden 215 neue Mietwohnungen in den Zossener Höfen geschaffen und in der Kienbergstraße wurde ein elfgeschossiges Wohnhaus mit 142 Wohnungen errichtet. 2017 entstanden mit dem Forster Karree 308 neue Wohnungen kurz vor der Stadtgrenze.

Die Gesobau baut auf 6 Baufeldern 1.500 Wohnungen im Quartier Stadtgut Hellersdorf. Die ersten 267 Wohnungen sollen im Winter 2021 fertig gestellt sein.

Ein Teil der Neubauten entsteht dabei auf Innenhöfen, die zwischen Wohnhäusern liegen. Bis vor knapp 20 Jahren standen auf diesen Grundstücken beispielsweise Kitas. Sie wurden zurückgebaut. Auch die Ringkolonnaden mit dem früheren Stadtteilzentrum sind ein solches Beispiel.

Wenn nun aber auf Flächen von ehemaligen Kitas oder Grünanlagen, neuer Wohnraum entsteht, wird das zum Problem. Denn der Bedarf nach sozialer Infrastruktur steigt, je mehr neue Wohnungen zur Verfügung stehen.

Die fehlende soziale Infrastruktur

Die Defizite in der sozialen Infrastruktur in Marzahn-Hellersdorf sind je nach Stadtteil unterschiedlich. Und während der Frage von ausreichenden Schulplätzen inzwischen durchaus mit hoher Priorität nachgegangen wird, bleibt bspw. die frühkindliche Bildung oder eine ausreichende Facharztversorgung zu oft ungelöst.

Die vom Bezirksamt aktualisierten Bezirksregionenprofile sind eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung der sozialen Infrastruktur. So bleibt in Marzahn-Nord und Marzahn-Mitte der dringende Fokus auf dem Aufbau der Angebote zur frühkindlichen Bildung. Das Gebiet Bitterfelder Straße muss dazu besonders im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen.

Hellersdorf weist im Vergleich aller Regionen den höchsten Handlungsbedarf auf. Vor allem die Planungsräume Alte Hellersdorfer Straße und Hellersdorfer Promenade erfordern aufgrund der sozialen Entwicklungen besondere Aufmerksamkeit. Daher müssen die infrastrukturellen Angebote und Kapazitäten an den Bedarf angepasst werden. Gesichert werden müssen dabei insbesondere Angebote zur Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen sowie der Integration. Auch um den Boulevard Kastanienallee besteht Handlungsbedarf. Hier stehen weniger Angebote für die frühkindliche Bildung zur Verfügung stehen als anderswo und die Schulen geraten an ihre Kapazitätsgrenzen. Da in den nächsten Jahren mit erheblichen Wohnbauaktivitäten zu rechnen ist, besteht hier anhaltender Handlungsbedarf.

In Mahlsdorf, Biesdorf und Kaulsdorf zeichnet sich in Teilbereichen ein Generationenwechsel ab, den es weiter zu beobachten gilt. Bei der wachsenden Zahl alter Menschen werden vor allem Wohnpflege-Angebote und die nötige Infrastruktur auszubauen sein.

Auch das vorhandene Defizit an Sportfläche wird in Folge des Bevölkerungszuwachses bis 2030 ansteigen. Besonders in schlecht versorgten Prognoseräumen Marzahn und Hellersdorf wird sich bis 2030 der Fehlbedarf wohl mehr als verdoppeln.

Auch die Verkehrsanbindung der neuen Wohngebiete muss konsequent mitgeplant werden. Die massive Verdichtung in Mahlsdorf und Kaulsdorf ohne wenigsten den Entwurf eines Verkehrskonzept ist ein massives Problem. Das Bezirksamt muss sich endlich dieser Aufgabe stellen.

Fazit und weiteres Vorgehen

Bei der Stadtentwicklung muss sich die Mühe gemachen werden, die unzureichenden Planungen umfangreich zu korrigieren. Wichtig ist, insbesondere einer erneut zunehmenden Ballung sozialer Herausforderungen entgegenzuwirken. Die frühkindliche Bildung, die Facharztversorgung, neue Sportflächen oder Grünanlagen und auch die Angebote für Senior:innen gehören auf die politische Tagesordnung.

In den kommenden Jahren muss dazu der ergänzende Ausbau der sozialen Infrastruktur in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung in Marzahn-Hellersdorf gestellt werden, um einer Schlafstadt 2.0 entgegenzuwirken. Ein Baustein ist, die dafür nötigen Grundstücke, Räume und Gewerbeobjekte zu sichern. Aber auch die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften müssen bei ihren Neubauvorhaben dafür sorgen, dass entsprechende Flächen für soziale Infrastruktur eingeplant und gebaut werden.

Auch ein Generalmietermodell kann den drohenden Engpässen entgegenwirken. Hier tritt der Staat beziehungsweise die öffentliche Hand als Mieter:in und damit als Garant auf. Das erleichtert die Akquise von Wohnraum gerade für Akteure, die auf dem freien Markt kaum Chancen haben. Eine weitere Variante des Generalmietermodells ist die Bereitstellung von Grundstücken durch den Senat beziehungsweise die Errichtung von geeigneten Gebäuden durch die landeseigenen Wohnungsunternehmen und anschließende langfristige Vermietung an soziale Träger, um vielfältige Hilfsangebote an einem Ort zu bündeln.

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