Bericht der Landeskommission zur Prävention von Kinder- und Familienarmut

Die Landeskommission wurde 2017 eingerichtet mit dem Auftrag, die Armutsprävention in Berlin grundlegend neu aufzuziehen. Dabei sollen die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen. Im August 2021 hat diese nun einen ersten Bericht zur Prävention von Kinder- und Familienarmut vorgelegt (Drucksache 18/3965). Im Folgenden einige der Ergebnisse und Empfehlungen zusammengefasst.

Allgemein hat Berlin eine der höchsten Armutsquoten im Land. Betroffen sind vor allem Familien mit Alleinerziehenden und Mehrkinderfamilien. Es ist auch ein Zusammenhang mit Bezug auf SGB II-Leistungen beobachtbar. Die Problemsituation besteht weiterhin und muss deshalb adressiert werden. Im Bezug auf Kinderarmut gibt es zudem eine starke Heterogenität – mit der Zeit konnte beobachtet werden, dass sich die Armut auf bestimmte Planungsräume verteilt.

Die Armutslage in Berlin bezieht sich auf mehrere Handlungsfelder, welche das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen maßgeblich prägen:

  • Teilhabe: Aufgrund der geringen Datenlage konnten bzgl. der Berliner Situation nur wenige Aussagen getroffen werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die soziale und kulturelle Teilhabe durch Armut erschwert wird. In den von Kinderarmut betroffenen Bezirken werden Sportvereine beispielsweise deutlich weniger genutzt als in anderen Bezirken. Dennoch ist nicht klar, inwieweit Betroffene bestimmte kostenlose Angebote der Stadt Berlin nutzen und ob die Teilhabe von armen Kindern und Jugendlichen richtig eingeschätzt wird. Deshalb wäre es wichtig, Individualdaten zu erheben um Bedarfslagen, Präventionsangebote und die Situation von Betroffenen einzufangen.
  • Bildung: Prinzipiell ist vielfach belegt, dass Kinderarmut häufig ungleiche Bildungschancen mit sich bringt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das Berliner Schulsystem hohe Inklusionsraten aufweist. Wie Übergänge und Abschlüsse in Zusammenhang mit der Armutsbetroffenheit stehen, ist aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht bekannt. Die Teilhabe an frühkindlicher Bildung befindet sich in der Stadt Berlin auf mittlerem Niveau und damit dem von anderen deutschen Großstädten. Ob die Bedarfe armer Familien gedeckt werden, ist unklar. Es sind jedoch ungleiche Startchancen im sprachlichen und kognitiven Bereich zu verzeichnen; diese ungleichen Bildungschancen werden im Laufe des Bildungsweges nicht wieder ausgeglichen, sondern verfestigen sich mit den Jahren. Zu Bildungsverläufen und sozialer Herkunft gibt es wenig Daten, welche sich dann meistens auf die Aggregatebene beziehen.
  • Gesundheit: Durch Einschulungsuntersuchungen gibt es viele Daten, die sich auf die frühe Kindheit beziehen. Hier sind deutliche Zusammenhänge in allen gesundheitsrelevanten Bereichen sichtbar.
  • Materielle Versorgung: In Berlin sind besonders viele arme Eltern erwerbstätig, jedoch reicht das Einkommen häufig nicht aus. Das wiederum erschwert den Ausstieg aus der Armut und führt zu einem Teufelskreis. Außerdem sind viele arme Familien langfristig auf SGB II-Leistungen angewiesen.
  • Wohnen: Arme Familien sind besonders stark betroffen von einer belastenden Wohnungsmarktsituation in Berlin. Sie erfahren oft Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt, beengter Wohnraum führt zu einer niedrigeren Lebensqualität. Das Wohnumfeld ist bzw. wird für Kinder und Jugendliche unattraktiv. Teilweise sind die Familien sogar von Wohnungslosigkeit betroffen (hier fehlen jedoch verlässliche Daten).

Eine verlässliche und breitgefächerte Datenlage ist unabdingbar für eine effektive Armutsprävention. Insbesondere 3 Punkte sind noch ausbaufähig:

  1. Aufgrund der ungleichen Verteilung von Kinderarmut auf Bezirksebene und innerhalb der Planungsräume ist es wichtig, dass andere amtliche Daten miteinbezogen werden, welche für die Kinderarmutsbekämpfung relevant sind. Der Indikator vom SGB II-Bezug weist ebenfalls darauf hin, dass die Daten systematisch miteinander verknüpft werden sollten.
  2. Vorhandene Datenlücken müssen systematisch geschlossen werden. Zwar gibt es in Deutschland bereits eine umfangreiche Datenlage, jedoch sind manche Bereiche immer noch unzureichend erforscht. Datenlücken gibt es beispielsweise bei der stringenten Verfolgung der Lebenslaufperspektive, vor allem bezüglich institutioneller Übergänge. Außerdem sind nicht alle Altersgruppen ausreichend erforscht – zum Beispiel die gesundheitliche Lage von älteren Kindern und Jugendlichen in Berlin. Es würde sich anbieten, amtliche Daten auf Aggregatebene (z.B. Schul- und Ausbildungsstatistiken) nach Armutsbetroffenheit auf Bezirks- und Planungsraumebene zu analysieren.
  3. Bisher ist nur eine Analyse für einen Indikator der Armut oder sozialen Lage möglich. Die bereits vorhandenen Daten müssen jedoch mit weiteren sozialstrukturellen Faktoren (z.B. Bildungshintergrund, Geschlecht oder Migrationshintergrund) verknüpft werden. Dadurch könnten dann die Zielgruppen genauer erfasst und Interventions- und Präventionsangebote besser aufgearbeitet werden.

Die Landeskommission hat fünf Leitlinien zur Armutsprävention in Berlin formuliert:

  1. Die Basis der Armutsprävention vor Ort sollen integrierte, bezirkliche Strategien sein.
  2. Als Ergänzung dazu sollen landesweite Bausteine der Armutsprävention ausgebaut werden, damit die armutspräventive Infrastruktur langfristig und vollständig gefestigt wird.
  3. Die Ressourcen zur Armutsbekämpfung sollen in den jeweiligen Sozialräumen gezielt eingesetzt und gebündelt werden.
  4. Auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene soll Armutssensibilität gefördert werden, um in der Gesellschaft Empathie, Wertschätzung und Respekt gegenüber armutsbetroffenen Menschen entgegenzubringen.
  5. Damit auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen bedarfsgerecht eingegangen werden kann, soll wirkungsorientiert vorgegangen werden. Das bedeutet konkret, dass die Arbeit regelmäßig evaluiert wird und dementsprechend die Angebote auf die Betroffenen ausgerichtet werden.

Die Landeskommission hat weiterhin mehrere konkrete Empfehlungen zur Kinderarmutsbekämpfung ausgesprochen:

  • Bei der Armutsprävention sollten Sozialräume noch stärker beachtet werden. Dabei könnte eine Koordinationsstelle auf Landesebene als Informationsknoten zum Wissenstransfer genutzt werden.
  • Wie bereits erwähnt ist ein strukturierter und koordinierter Austausch für eine effiziente Arbeitsweise unabdingbar. Deshalb wird eine Datenbank angestrebt, die Angebote, Maßnahmen und Projekte in der Stadt Berlin bündelt und somit Lücken und Dopplungen sichtbar macht.
  • Um die Armutssensibilität und Wirkungsorientierung der Fachkräfte zu erhöhen, sind Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sinnvoll. Armut soll in Ausbildungen mehr thematisiert und Organisationen, Verwaltungen und Einrichtungen weiter für Armut sensibilisiert werden.
  • Wirkungsorientierung ist ein wichtiger Grundstein in der Armutsbekämpfung. Insgesamt soll an den Zielen entlang gearbeitet werden und eine regelmäßige, finanzierte Evaluation stattfinden.
  • Die Analyse der 15 strategischen Ziele enthält weitere Handlungsempfehlungen, die sich konkret auf das jeweilige Ziel beziehen. Enthalten sind beispielsweise der Ausbau von Sozialarbeit, Verbesserung von Wohnbedingungen oder Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.
  • Nicht zu kurz kommen sollte das Thema Familieneinkommen, welches natürlich eng mit Kinderarmut verflochten ist. Deshalb unterstützt das Land Berlin eine Kindergrundsicherung auf Bundesebene. Außerdem sollten weitere Maßnahmen für ein stabiles Familieneinkommen sowie die Aspekte Wohnraum und Integration in den Arbeitsmarkt berücksichtigt werden.
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